Einige Anmerkungen zum historischen Datenvergleich "Maddison-Projekt" von Prof. Angus Maddison

von Dr. Edward von Schlesinger

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Schlesinger, Edward, von: „Einige Anmerkungen zum historischen Datenvergleich "Maddison-Projekt" von Prof. Angus Maddison“, Aufsätze, in: WIKIa Szlachta [Onlinefassung]; URL: http://www.de.szlachta.wikia.com/, Zugang .. . .. . 201.

Download der aktuellen Datentabelle des Maddison-Projektes

Groningen Growth and Development Centre


In "Der Spiegel", Ausgabe SPIEGEL ONLINE, erschien am 13. 4. 2014, ein Artikel von Hennig Jauernig: "Historischer Datenvergleich - Als Indien die Weltwirtschaft anführte".


'Wissenschaft oder statistische Spielerei?

Forscher der Universität Groningen wollen die größten Wirtschaftsmächte seit dem Jahr eins ermittelt haben - mit überraschenden Ergebnissen: Als Jesus geboren wurde, schlug das Herz der Weltwirtschaft demnach in Indien.'

'Die Rangliste der größten Wirtschaftsnationen der Jahre 1-2030'

Die Rangliste der größten Wirtschaftsnationen der Jahre 1-2030-aus dem Maddison-Projekt nach SPON


'Welches Land war im ersten Jahr nach Christi Geburt die größte Volkswirtschaft der Erde? Die erstaunliche Antwort: Sie befand sich auf dem Gebiet des heutigen Indien. Auf Platz zwei folgt China. Italien, damals immerhin Herzstück des Römischen Reiches, muss sich mit dem dritten Rang begnügen.

Der mittlerweile verstorbene britische Ökonom Angus Maddison gibt Antwort auf die Frage, wer wann die größte Volkswirtschaft hatte. Der ehemalige Professor der Universität Groningen hat die Bruttoinlandsprodukte (BIP) aller Nationen seit dem Jahr eins errechnet.

Ein Mammut-Projekt - in der Excel-Tabelle sind mehr als 12.800 Bruttoinlandsprodukte von mehr als 180 Staaten aufgelistet. Die Erhebung erfasst die Entwicklung von mehr als 2000 Jahren. Sicher, viele der Daten beruhen auf Schätzungen. An die Verlässlichkeit heutiger Wirtschaftsstatistiken reichen sie nicht heran. Entsprechend umstritten ist das Projekt unter Experten. Was die 'Maddison Tables' aber nicht daran gehindert hat, zur vielgenutzten Datengrundlage in Disziplinen wie Wachstumstheorie und Wirtschaftsgeschichte zu werden.

Maddison war ein besessener Zahlenliebhaber, der sich sein ganzes Leben mit der Messung des wirtschaftlichen Wachstums befasste. Sein Lebensziel: Die Wirtschaftskraft aller Nationen ermitteln und so weit in der Geschichte zurückgehen, wie es nur möglich ist. Im Jahr 2001 gelang ihm ein erster Durchbruch: Maddison ermittelte das gesamte Output der Welt im Jahre eins. Es soll 105,4 Milliarden Dollar in Preisen des Jahres 1990 betragen haben. Zum Vergleich: Das ist weniger als die heutige Wirtschaftskraft von Berlin.

China dominierte jahrhundertelang die ganze Welt

Die Maddison-Statistik liefert viele überraschende Ergebnisse. Heutzutage gilt China als aufstrebende Wirtschaftsmacht, die den Westen bedroht. Dabei ist das historisch betrachtet nichts Neues: China dominierte über mehrere Jahrhunderte hinweg die ganze Welt. Im Jahre 1500 war das chinesische Kaiserreich unter der Ming-Dynastie die größte Volkswirtschaft der Erde. Ungefähr ein Viertel des gesamten Weltsozialprodukts wurde in China erwirtschaftet.

In unserem interaktiven Chart sehen Sie, welche Nation zu welchem Jahrhundert wie viel Prozent des Weltsozialprodukts erwirtschaftete. Damit die Grafik übersichtlich wird, können Sie per Klick einzelne Länder in der Legende auswählen. Ziehen Sie zusätzlich die Maus über ein bestimmtes Jahrhundert, um heranzuzoomen.'

'Die größten Volkswirtschaften seit dem Jahr 1: Anteil am Weltsozialprodukt in Prozent; die gestrichelte rote Linie markiert die Schätzung' [korrekter weise wäre anzugeben, dass nicht nur alle Daten vor dem Jahr 1665 - erstmalige Festlegung der BIP-Definition - sondern auch alle Daten bis zur Einführung einer eindeutigen Statistik auf einer reinen Schätzung und Hochrechnungen bestehen].

Die größten Volkswirtschaften seit dem Jahr 1: Anteil am Weltsozialprodukt in Prozent; die gestrichelte rote Linie markiert die Schätzung


"Erst knapp 400 Jahre später, im Jahr 1890, stießen die USA China vom Thron und dominierten das 21.Jahrhundert. Im Jahr 1970 erbrachte China gerade noch vier Prozent der Wirtschaftsleistung.

Ein umgekehrtes Schicksal hat Russland hinter sich: Bereits im Jahr 1000 gehörte das Gebiet der späteren UdSSR zu den größten Wirtschaftsmächten der Erde - vor allem durch das damalige Mongolenreich. Von 1938 bis 1980 schob sich die UdSSR auf Platz zwei der Wirtschaftsmächte vor. Heute hingegen ist Russland politisch ein Riese, doch ökonomisch eine Mittelmacht auf dem absteigenden Ast.

Wichtig: Maddison berechnete die BIP-Werte in sogen[n]annten Kaufkraftparitäten, um Wechselkursschwankungen und das unterschiedliche Preisniveau in verschiedenen Ländern auszugleichen. Auch die Inflation wurde berücksichtigt, alle Daten sind in Preisen von 1990 angegeben.

Bald könnten sich historische Normalverhältnisse wiederherstellen. SPIEGEL ONLINE hat die BIP-Werte für 2012 und 2030 auf Basis der von der Weltbank prognostizierten BIP-Zuwachsraten hochgerechnet - denn Maddison hat die Werte nur bis zum Jahr 2008 erfasst. Nach dieser Schätzung wird China die USA im Jahr 2030 als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen. Das Aufstreben der Weltmacht Chinas ist so gesehen gar keine Revolution, sondern eine Rückkehr zum historischen Regelfall.

Spielerei oder Studie mit Aussagekraft?

'Die Rangliste zeigt, wie sich wirtschaftliche Macht in politische Ambitionen umschlägt', sagt Albrecht Ritschl, Wirtschaftshistoriker an der London School of Economics. So ist Deutschland im Jahre 1913, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs, wirtschaftlich besonders stark und greift im Zuge dessen nach der Vormachtstellung in Europa.

Im Jahr 2010 ist Maddison verstorben. Seitdem arbeiten viele ehemalige Schüler des britischen Ökonomen am 'Maddison-Projekt' und führen sein Lebenswerk weiter. Sobald es neue Daten gibt, fügen die Wissenschaftler diese der Excel-Tabelle hinzu. Zuletzt wurden im Januar 2013 die BIP-Zahlen der Niederlande zwischen 1348 und 1807 ergänzt.

Doch wie aussagekräftig sind Maddisons Daten? Das größte Problem der Statistik: Es gibt keine verlässlichen Datenquellen. Denn das erste Bruttoinlandsprodukt wurde erst im Jahre 1665 vom Ökonomen William Petty errechnet. Damit fehlen Tausende Daten. 'Es ist völlig unmöglich, die fehlenden Daten zu erfassen. Wir wissen heute noch nicht einmal, wie viele Menschen zum jeweiligen Zeitpunkt in diesen Ländern gelebt haben', sagt Dieter Ziegler, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Für ihn ist Maddisons Erhebung deshalb 'nur eine Spielerei ohne wirkliche Aussagekraft'.

Der Westen war jahrhundertelang unterlegen

Klar ist: Maddisons historische Daten sind wesentlich ungenauer als heutige Messungen der Wirtschaftskraft, auch weil sich die Landesgrenzen über die Jahrhunderte hinweg mehrfach verschoben haben. Doch trotzdem sind Lehrbücher für Volkswirtschaftslehre voll von Maddisons Grafen. Vor allem in der Wachstumstheorie werden die Daten oft verwendet. 'Die Zahlen zeigen die richtige Tendenz', sagt Historiker Ritschl. Die grobe Rangfolge der Nationen stimme, auch wenn die Daten nur geschätzt seien.

Doch selbst diese Schätzungen haben Grenzen. 'Einmal hat Maddison mir vorgeschlagen, die Wirtschaftskraft von Ägypten in der Antike zu errechnen', erzählt Ritschl. Man könne historische Quellen heranziehen, die die Erntemengen auflisten, habe Maddison gesagt. 'Doch das', so Ritschl, 'wäre dann wirklich ein Himmelfahrtskommando gewesen.' "

Methodische Fehler des "Maddison-Projektes" im Bezug auf das östliche Europa

Maddison-Projekt_Logo


Das "Maddison Projekt" Tel.: +31 (0) 50 363 3675Email: ggdc@rug.nl, wird betrieben von:

Groningen Growth and Development Centre Groningen Growth and Development Centre
Faculty of Economics and Business Faculty of Economics and Business
University of Groningen Duisenberg Building, Room 505
P.O. Box 800 Zernikecomplex
9700 AV GRONINGEN Nettelbosje 2
The Netherlands 9747 AE GRONINGEN
The Netherlands

Das "Maddison Projekt" gilt zu Recht als eine geglückte Umsetzung der Methoden der angewadten Sozialgeschichte. Und dies auch dann, wenn man Teile der Hochrechnungen kritisch diskutiert, sofern die den Hochrechnungen zu Grunde liegenden Daten und Schätzungen sachgerecht ermittelt worden sind.

Deren Ermittlung ist abhängig einerseits 

1. von den Quellen, auf die sie sich stützt und andererseits

2. den Spezialisten, die auswerten.

Dank der offenen Informationspolitik des Projektes ist es möglich, diese Ansätze für den Teilbereich des östlichen Europa für die Zeitspanne 1385 - 1791/1795 zu überprüfen. So sind die Quelle im Internet als Pdf-Dateien unter der Bezeichnung "The Maddison Project WP-1", -WP-2, -WP-3 und -WP-4 sowie weitere Daten aufgeführt.

Von besonderem Interesse für das Forschungsprojekt "Eliten der Res Publica Serenissima 1385 - 1569 - 1791 und in deren Gebieten bis 1918" ist das Maddison-Project Working Paper WP-4 von Jutta Bolt und Jan Luiten van Zanden: "The Update of the Maddison Project Re-Estimating Growth Bevore 1820" sowie die Einzeldatentabellen in den Datenbanken.

Unter der Zusammenstellung der Grunddaten des "Maddison-Projektes" stellt man fest, dass unter den Projektmitarbeitern und Participants weder einen Spezialisten für die Adelsrepublik noch für den Gesamtbereich östliches Europa ausgewiesen ist (außer Ass.-Prof. Dr. Martin Uebele mit seinem Arbeitsfeld "Market Integration, Business Cycles, Monetary Policy, Economic History, Economic Growth Germany 16th-20th C.", wobei jedoch alle seine Arbeiten, auch diejenigen für Sachsen, erst nach dem Zerfall der Res Publica Serenissima einsetzen).

Ebenfalls die Zusammenstellung der laufenden Projekte führt kein Vorhaben an, welches sich auch nur annnähernd mit dieser Problematik beschäftigen würde.

Dies gilt gleicher Massen für die Monographien der abgelaufenen Projekte.als auch die Forschungsberichte des Projektes

Entsprechend ist davon auszugehen, dass es erforderlich ist, die Datenbasis des Maddison Projektes im Bereich des östlichen Europa zwischen dem XIV. und XVIII. Jahrhundert einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen, ob sie mit den tatsächlichen Verhältnissen übereinstimmt.

Die WEB-Präsentation des "Maddison Projektes" stellt neben der eingangs verlinkten Excel-Datentabelle die nachfolgenden Datenbanken vor:

Penn World Table


"Description: PWT version 8.0 is a database with information on relative levels of income, output, inputs and productivity, covering 167 countries between 1950 and 2011."


GGDC 10-Sector Database

"Description: The GGDC 10-Sector database provides a long-run internationally comparable dataset on sectoral productivity performance in Asia, Europe, Latin America and the US. Variables covered in the data set are value added, output deflators, and persons employed for 10 broad sectors from 1950 onwards." 


Africa Sector Database

"Description: The Africa Sector Database (ASD) provides a long-run internationally comparable dataset on sectoral productivity performance in 11 Sub-Saharan African countries. Variables covered in the data set are annual series of value added, deflators, and persons employed for 10 broad sectors covering the total economy."


GGDC Productivity Level Database

"Description: The GGDC Productivity Level database provides comparisons of output, inputs and productivity at a detailed industry level for a set of thirty OECD countries for 1997. It complements the EU KLEMS growth and productivity accounts by providing comparative levels and follows it in terms of country and industry coverage, variable definition and basic data."


Historical National Accounts Database

"Description: The datahub on Comparative Historical National Accounts provides information on Gross Domestic Product at current and constant prices, including an industry breakdown for 10 major sectors, for the 19th and 20th centuries. This dataset is a complement to Angus Maddison’s estimates of World GDP. Currently it covers 21 countries in Asia, Europe and North America."


EU KLEMS Database

"Description: The EU KLEMS includes measures of output and input growth, and derived variables such as multi-factor productivity at the industry level. The input measures include various categories of capital (K), labour (L), energy (E), material (M) and service inputs (S). The measures are developed for twenty-five individual European Union member states, the United States and Japan. It covers 30 to 72 industries for the period from 1970 onwards."


World Input-Output Database (WIOD)

"Description: The WIOD provides time series of world input-ouput tables for the 1995-2009 period. Data is included for 40 separate countries covering approximately 85 per cent of world GDP. A 'rest of the world' region is included for the remaining countries. 35 sectors are distinguished covering the total economy. Additionally time series of national and international supply and use tables are included covering 35 industries and 59 product groups." 


Total Economy Database

"Description: The Total Economy Database is a comprehensive database with annual numbers of GDP, population, employment, hours and productivity for about 125 countries in the world."


Total Economy Growth Accounting Database

"Description: The GGDC Total Economy Growth Accounting Database provides measures of labour, capital services and multi factor productivity at the aggregate economy level. The database covers 15 European Countries, the European Union and the United States from 1980 onwards."


wobei für unsere Untersuchung maßgeblich als von Bedeutung die Datenbank anzusehen ist:

Maddison Historical Statistics

"Description: The Historical Statistics provide data on Population, GDP and GDP per capita for all countries in the world for the period 0-2008."


In dieser Datenbank wären die Bevölkerungsdaten zurückzugelegen, die einen Rückschluß nicht nur über die angenommenen Bevölkerungszahlen, sondern auch diesen Zahlen zu Grunde liegenden staatlichen Organisationsstrukturen. Denn nur auf der zutreffenden Grundlage der staatlichen Strukturen können die Ersteren für die zu untersuchende Periode sachgerecht geschätzt wurden. Bedauerlicher Weise sind unter der "Maddison Historical Statistics" keine Daten vorzufinden.

Auch die Konsultation mit der New Maddison Project Database erbrachte keinen diesbezüglichen Erfolg, es wird nur auf das bereits erwähnte Arbeitspapier vom Dezember 2013 Maddison Project Working Paper 4 The First Update of the Maddison Project; Re-estimating Growth Before 1820 verwiesen Datentext Working Paper 4.

Auch in der Background Note lassen sich keine sachdienliche Hinweise finden.

Dies gilt wegen der Datenzusammenfassung auch für Publikation von Maddison wie International Comparison of Agricultural Output and Productivity, Tabellen 5 oder Contours of the World Economy and the Art of Macromeasurement 1500-2001.

Maddison-Table 5b-in-oriindex.htm für die Jahre 1000-2001

Den ersten fehlerhaften Ansatz finden wir auf der OECD Website, in Maddison: The World Economy: Historical Statistics, HS–8,  1–2001 AD,  Seite 244, wo die Res Publica Serenissima als in damaliger Zeit über Jahrhunderte größtes Reich in Europa mit knapp 1 Million Km2 nicht dezidiert erfasst wird: 

"GDP Growth before 1820 Eastern Europe: Per capita GDP growth rates prior to 1820 are unchanged (0.1 percent a year), but the level for 1500–1700 is higher due to use of the Good–Ma proxies for the nineteenth century. There was no significant change for Russia."

Nicht nur dass das GDP-Wachstum im östlichen Europa mit 10% pro Jahrhundert als viel zu gering angesetzt zu sein scheint, sondern tritt neben dem moskowiter Großfürstentum Russland die zu diesem Zeitpunkt ausschlaggebendere Adelsrepublik nicht einmal in Erscheinung! Offensichtlich scheint aus Unkenntnis der Regionalstrukturen einmal mehr alles unter dem Schlagwort "Russland" zusammengefasst oder aus Ermangelung bekannter Operate ausgeklammert worden zu sein. Hier scheint der Eurowest- und Asienzentrismus gänzlich des Projektes zugeschlagen zu haben.

Somit bilden neben der Excel-Datenbank nur die Statistics on World Population, GDP and Per Capita GDP, 1-2008 AD, Horizontal file, copyright Angus Maddison, University of Groningen und 

Statistics on World Population, GDP and Per Capita GDP, 1-2008 AD, Vertical file, copyright Angus Maddison, University of Groningen die einzigen Anhaltspunkte für die Überprüfung.

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